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Review von Gil Bieler

Die Karriere von Marilyn Manson nähert sich stramm der 30 Jahr Marke, und seit der Jahrtausendwende darf gerne diskutiert werden, ob der einstige „God of Fuck“ schleichend zum Abziehbild seiner selbst geworden ist. Selbstgefällig, manchmal gar erschreckend uninspiriert wirkt der großgewachsene Herr mit dem dicken Lippenstift allzu oft. Die Klamotten wurden schicker, die Aussagen seiner Songs seichter. Und wer ein Feature für Avril Lavigne einspielt, drückt allen Nörglern ohnehin die Schaufel in die Hand: „Da, hebt schon einmal mein Grab aus.“

Wer Marilyn Manson erst spät kennenlernte, dem dürfte diese Vorstellung tatsächlich schwer fallen aber dieser bleiche Kerl hat dem Trieb zur Auflehnung, der in so vielen Teenager Herzen brennt, tatsächlich einmal ein Gesicht und eine Stimme verliehen. Sturm und Drang, Bruch mit allen Konventionen, „Cake And Sodomy“. Konzerte, bei denen sich der Fronter mit zerborstenen Glasflaschen die Brust blutig ritzte und seine Mitmusiker wahlweise mit dem Mikroständer abschoss oder oral befriedigte. Es kursierten damals sogar Gerüchte, er könne sich selbst mit Fellatio verwöhnen, habe sich dafür extra Rippen herausoperieren lassen. Lang, lang ist es her, doch das war Marilyn Manson in Bestform!

Das perfekte Momentum erreichte er 1996 mit „Antichrist Superstar“. Das Album dokumentiert zum einen Brian Warners endgültige Transformation in sein Alter Ego. Er kappt hier auch die letzten Wurzeln zur vermeintlich heilen Welt im heimischen Canton, Ohio, deren Scheinheiligkeit, Oberflächlichkeit und Spießertum seinen Zorn nährten. Zum anderen wird das Debütalbum „Portrait Of An American Family“ musikalisch mit Leichtigkeit überflügelt. Der cartoonhafte Geisterbahn Rock ist verpufft und eine ernstere, kalte Atmosphäre bestimmt die 16 Songs. Statt nur ein Auge für knackige Refrains zu haben, wie das später leider immer häufiger der Fall sein würde, besticht die Platte mit kompositorischer und lyrischer Dichte sowie einem interessanten Konzept.

Das Album beschreibt den Aufstieg eines schwächlichen Wurms, der in einer feindseligen Welt gegen die Autoritäten aufbegehrt und am Ende zu einem die Apokalypse entfesselnden Gott des Hasses wird, der alle anderen mit ins Elend reißt. Quasi nebenher werden auch noch jegliche Werte und Symbole von Kirche, amerikanischem Staat und Gesellschaft bespuckt und zerfleddert, was „Antichrist Superstar“ bis heute zum perfekten Soundtrack für die angepissten Phasen des Lebens macht.

Und an Angepisstheit mangelt es Manson keineswegs: In „Irresponsible Hate Anthem“ gibt es gleich ein langgezogenes „Fuck iiiiit!“ in jedermanns Richtung. Er sei mit zu wenigen Mittelfingern geboren worden, kreischt der Frontmann, während die Band sich durch den Song prügelt, und kommt zum Schluss: „Let’s just kill everyone and let your God sort them out.“ Jede Zeile hätte sich als T Shirt Slogan auf der schmalen Teenie Brust gut gemacht.

Das nächste Ausrufezeichen setzt „The Beautiful People“. Der militärisch stampfende Beat, zusätzlich akzentuiert von gedämpften Gitarren, setzt sich gleich im Gehör fest. Unheilvoll flüsternd ätzt Manson gegen Schönheitsideale und inspiriert von Nietzsche gegen die herrschende Klasse eben jener ’schönen Menschen‘. Im Refrain wird dann feierlich gebrüllt. Das Gitarrenriff ist knackig, der Bass grollt, dazu sakrale Elemente wie Chorgesang und Orgelklänge, fertig ist der bandeigene Evergreen. Bassist Twiggy Ramirez darf sich für diese Komposition selbst auf die Schulter klopfen.

In seiner Autobiographie schreibt Manson über die Entstehung des Albums: „Ich wollte mich ganz auf meinen Hass konzentrieren und die Verachtung, die ich der Welt entgegenbrachte, so präzise wie möglich artikulieren. Alles in dem klaren Bewusstsein, dass ich diese beiden Gefühle vor allen Dingen auch für mich selbst empfand.“

Musikalisch umgesetzt wird dieser Amoklauf mit einem rohen, dreckigen Sound, viel Verzerrung auf Gitarren und Stimme sowie einer Mischung aus elektronischen Beats und wuchtigen Live Drums. Die Produktion glänzt zudem mit kleinen Spielereien und Finessen, die sich erst bei mehrmaligem Hören herauskristallisieren. Hier sitzt jeder Kratzer, jedes Brummen, von der bereinanderschichtung der vielen ‚Gesangs’spuren ganz zu schweigen. Der Einfluss von Trent Reznor, Mansons damaligem Mentor, ist unüberhörbar. Der NIN Chef agiert hier nicht nur als Produzent, er mischt in mehreren Songs gleich selber mit.

Entsprechend enthält das Album viele Industrial Keulen. „Little Horn“ ist der wohl heftigste Manson Song überhaupt. „Angel With The Scabbed Wings“ (mit NIN Mann Danny Lohner an der Gitarre) nimmt den militärischen Rhythmus der „Beautiful People“ auf, wirkt jedoch noch um einiges grimmiger. „1996“ rennt wie ein Stier stramm nach vorne: Auch dies ist eine typisch minimalistische Twiggy Komposition, der ein Riff für die Strophen und eines für den Refrain zur vollen Durchschlagskraft reichen.

Auf der anderen Seite des Spektrums stehen mehrere Balladen. Allen voran „Tourniquet“, das mit toller Gitarrenarbeit punktet und einem Sänger, der sich vor lauter Seelenqualen einen Dreck um die richtige Tonlage schert. Schaurig, eindringlich, ganz ohne Kitsch: So hat eine Manson Ballade zu klingen! Noch einiges ruhiger arrangiert ist das auf einer Basslinie aufgebaute „Minute Of Decay“, in dem ein verletzlich wirkender Protagonist (respektive ein zum Drogenwrack verkommener Rockstar) über den eingeschlagenen Weg sinniert: „I’m on my way down now, I’d like to take to with me, I’m on my way down.“

Die Entstehung des Albums brachte Manson tatsächlich an den Rand des Abgrundes. Die Aufnahmen verschlangen Monate. Eine unproduktive, selbstzerstörerische Tortur, weil sich Manson und seine Mannen statt auf das Komponieren auf Berge von Koks und in nächtelange Saufgelage stürzten.

„Wir waren ständig derart aufgeputscht, dass wir uns beim besten Willen nicht mehr darauf konzentrieren konnten, irgendetwas Vernünftiges aufzunehmen. Diese Situation brachte uns wiederum alle so sehr gegeneinander auf, dass wir noch paranoider und noch unproduktiver wurden“, erinnert sich Manson. Es brauchte nicht weniger als eine durch eine berdosis herbeigeführte Nahtoderfahrung und eine Abtreibung, die bei seiner damaligen Freundin Missi vorgenommen wurde, um ihn wieder halbwegs zu Sinnen kommen zu lassen und „Antichrist Superstar“ zu einem Abschluss zu bringen.

Zum Glück kam es so! Ansonsten wäre die Welt um Album gebracht worden, das vor Highlights nur so strotzt. Das pompöse Titelstück etwa klingt wie aus einer satanischen Rockoper entliehen und wurde live mit einem am Podium thronenden Sänger auch entsprechend umgesetzt. Das seltsame „Cryptorchid“, mehr Interlude als Song, gibt die Verwandlung des Wurmes zu einem geflügelten Wesen anschaulich wieder. ber Keyboardklänge verkündet eine entfremdete Stimme: „Prick your fingers, it is done/The moon has now eclipsed the sun/The angel has spread its wings/The time has come for bitter things“. Und erst das verstörende Midtempo Stück „Kinderfeld“ mitsamt Blockflötensolo .

Zum Schluss steigert sich das polternd beginnende „The Reflecting God“ in ein regelrechtes Inferno hinein, in dessen Zentrum der Rachegott mit Blitzen um sich schießt und zetert: „No salvation, no forgiveness!“ Keine Erlösung, keine Vergebung, keine halben Sachen. Die Pianoklänge im fragilen „Man That You Fear“ bilden nur noch den Nachhall zu einer Apokalypse, die Marilyn Manson vom persönlichen Tiefpunkt hoch zum Peak seiner Karriere schleudern sollte. Dass seine Kreativität dabei erste Kratzer erlitt, ist zumindest sehr gut vorstellbar.

In der Rubrik „Meilensteine“ stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.
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